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sehr geehrte anwesende dieser vernissage, 

 

ich freue mich sehr, dass ich hier in der galerie für fotokunst moritzhof in magdeburg eine laudatio zu holger dülkens fotoausstellung „spiel des schattens“ halten kann. vielen dank für die einladung dazu.

 

wir haben uns 2019 bei der fotokonferenz „tpic“ im heizkraftwerk mitte in berlin kennen gelernt. ins gespräch kam ich mit holger dülken, als ich ihn fragte, was er denn für eine besondere kamera mit sich trug: es war eine digitalkamera mit lochbildobjektiv. ich war  sofort neugierig auf seine fotos, die er mit dieser besonderen aufnahmetechnik macht. 

 

zu diesem zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass er kybernetik an der uni in magdeburg studiert hat und seit 22 jahren selbständig in der it tätig ist. ich wusste auch nicht, dass er sich seit mehr als 10 jahren mit seinen fotografien an ausstellungen beteiligt. eine interessante persönlichkeit präsentiert sich mir hier.   

 

gezeigt werden heute 29, zum teil großformatige kunstdrucke. es sind portrait- und aktfotografien von 9 frauen im alter von 50 - 65 jahren. die frauen kommen aus magdeburg, dessau, staßfurt, leipzig, erfurt, goslar und aus dem harz.

die frauen auf den fotos wirken in ihren posen natürlich, authentisch und nahbar. das ist kein zufall: keine der frauen war oder ist ein fotomodell. sie führen „normale“ leben. eine architektin, eine krankenschwester, eine chefsekretärin, eine schriftstellerin, eine hochschullehrerin, eine kundenberaterin, eine unternehmerin, und eine pensionärin  - das sind die personen, die sich von holger dülken fotografieren liessen.

 

es sind fotos entstanden, die von gegenseitigem vertrauen zeugen. die abgebildeten frauen mussten geahnt haben, auf was sie sich dabei einliessen: auf einen sensiblen lichtkünstler, der sie mit seiner kamera nicht entblösst, sondern durch das bewusst schemenhafte, das ungenaue, das grobkörnige, das abgedunkelte ihre geheimnisse und ihre würde bewahrt.

 

die fotografien präsentieren sich uns in unterschiedlichen formaten: zum einen sind da die 1 meter mal 1 meter grossformatigen schwarz-weiss porträts der neun frauen. zum anderen fotografien im format  von 20 mal 20 zentimetern, eingerahmt  durch ein 50 mal 50 zentimeter passpartout. die fotografien erhalten dadurch einen intimen rahmen. 

 

technisch bedient holger dülken sich einem scheinbar limitierten mittel, dem lochbildobjektiv, das jedoch ein hohes verständnis und können in der lichtsetzung erfordert. die gezeigten porträts kommen sehr kontrastreich daher. gesichtspartien kommen in grobkörniger unschärfe daher und fordern unsere sehgewohnheiten heraus. die gesichter  sind scharf angeschnitten, wenden sich ab oder verschwinden beinahe ganz im dunkeln. 

geheimnisvoll „verschattet“ und graustufig auch die aktbilder, die eine sinnliche melancholie verströmen. 

 

schwarz-weiss, kontrastreich, poetische unschärfen - das ist holger dülkens charakterischer „look“, der sich durch seine porträts und aktarbeiten zieht. 

 

wer diese bilder betrachtet, die durch ihren analogen charme bestechen und ein solch wohltuender gegenentwurf zur „instagramisierung“ der aktuellen fotografie darstellen, dem wird klar: holger dülken geht es darum, gefühlswelten zu erschaffen, die viel in bewegung bringen können. 

 

auf seiner website steht ein schöner satz, der da heisst: „fotografie ist eine gefühlssache, dabei spielt es keine rolle, welche kameratechnik ich verwende. vielmehr ist wichtig, was die technik mit mir und denen, die ich fotografiere, macht.“ 

 

was die fototechnik, gepaart mit Gefühl, gemacht hat, können wir hier in dieser sorgfältig kuratierten ausstellung auf eindrückliche art und weise sehen.

vera rüttimann

journalistin, zürich

für holger dülken ist die fotografie ein wichtiger ausgleich zu seinem sonst streng ergebnisorientierten job als informatiker. in der fotografie ist alles tun ergebnisoffen, der fotograf lebt von der inspiration in der jeweiligen situation und reagiert mit seiner kreativität darauf. ergibt sich eine kreative stimmung, dann greift dülken zur kamera mit minimalistischer ausrüstung, beschränkt sich auf ein einziges objektiv, das immer eine festbrennweite hat. das erlaubt ihm, sich ganz auf seine motive und deren darstellung zu konzentrieren. diesen ansatz hat sich holger dülken aus der sozialdokumentarischen reportagepraxis angeeignet. so hat er auch die beiden sportler abraham und stieglitz vor ihrem boxkampf in magdeburg eingefangen: als die spannung bereits auf dem siedepunkt war, fixierte dülken ihr energiegeladenes wiegen vor dem krafteinsatz und bannte so die siedende stimmung auf zelluloid.


in der jüngeren vergangenheit reduzierte dülken weiterhin seine technischen mittel, um noch stärker an die atmosphärische stimmung der analogen fotografie heran zu kommen: geringe bildauflösung, geringere farbintensität, scheinbare fehlerhaftigkeit halten nur das wesentliche fest und wahren so die poesie des augenblicks. der effekt ist der eines lochbild-objektivs, das man auch an einer digitalen kamera nutzen kann. die wirkung ist überzeugend, seine fotos fesseln den betrachter, da dessen fantasie angeregt wird.

 

die bilder werden häufig ohne bildbearbeitung und in schwarz/weiß erstellt und bleiben dank dieses technischen leitmotivs der klassischen fotografie verpflichtet.


uns betrachtern vermittelt sich in den atmosphärischen aufnahmen die große vertrautheit mit der die modelle auf ihren fotografen eingehen.

die fotografien berühren, sie lassen der eigenen fantasie freien lauf, sie sind authentisch und zeigen vertrautheit, intimität und persönlichkeit. man kann ihnen die technischen mängel vorwerfen, aber immer bleiben sie atmosphärisch.

wir spüren auch die starke faszination, die das fotografieren auf holger dülken ausübt; seine inspiration, mit der die verwendete technik und das vorhandene licht in all ihrer wirkmächtigkeit ausloten und gestalten lässt.


die räumliche situation ist vergleichbar autark, das die natürlichkeit des kontextes betont. darin können sich die motive in ruhigen und entspannten posen zeigen, wird ihre natürlichkeit und individuelle schönheit betont, konzentriert sich der dialog auf den austausch mit dem fotografen und uns betrachtern. regelmäßig kommt es zum direkten blickkontakt, was die spannung erhöht. während die porträts interesse wecken, berühren die diskreten aktaufnahmen mit ihrer sanften sinnlichkeit. die lichtführung zeigt und kaschiert gleichzeitig, konturiert und verschattet, ein geben und nehmen in schwarz-weiß. ein gespräch dessen graustufen das unausgesprochene andeuten.

der rückgriff auf historische fotografiepraxis des pointillismus zu beginn des vorigen jahrhunderts, die reportage technik der humanistischen journalisten bewirken einen pointilistischen bildausdruck, sind gewollt grobkörnig und leicht unscharf, und dokumentieren in zauberhaften schwarz-weißen fotos die intime stimmung.

nathalie neumann

kunsthistorikerin, berlin